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Ingo Maurer intim. Design or what?

Ingo Maurer intim. Design or what?

Ingo Maurer hat über Jahrzehnte hinweg mit innovativen, die neuesten technischen Errungenschaften einbeziehenden Entwürfen das Leuchten-Design maßgeblich über die Grenzen Deutschlands hinaus geprägt. Seine Vielseitigkeit spiegeln Materialien wie Blattgold, Japanpapier, Porzellanscherben oder Plastik wieder, alles bringt er zum Leuchten. Zu Beginn seiner Karriere gestaltete er seine Leuchten um die klassische Glühbirne als Leuchtmittel herum. Bereits Jahre vor dem von ihm betrauerten EU-weiten Glühbirnenverbot, setzte er sich mit modernsten Lichtquellen wie OLEDs (organische Leuchtdioden) auseinander. Unabhängig vom Leuchtmittel war für ihn die Qualität des im Raum erzeugten Lichts entscheidend, die er durch die Gestaltung seiner Leuchten optimierte. Neben spektakulären Einzelstücken entwickelte er auch komplette Beleuchtungskonzepte, sowohl für private als auch öffentliche Gebäude. Die Neue Sammlung – The Design Museum präsentiert die Ausstellung über diesen Pionier des zeitgenössischen Lichtdesigns vom 15.11.2019 – 18.10.2020.

Vom Lichtgestalter zur Lichtgestalt!

Bei internationalen Designerkritikern hatte sich Ingo Maurer längst den Titel „Lichtpoet“ oder noch ehrfurchtsvoller „Lichtpapst“ erarbeitet. Bescheiden wies der Lichtgestalter diese Huldigungen zurück und sagte über sich selbst: „Ich bin der Sohn eines Bodenseefischers“, der selbst Erfinder war. Der Vater erleichterte nebenbei mit praktischen Erfindungen zum Beispiel für das Bewässerungssystem oder mit einem zerlegbaren Räucherschrank den Inselbewohnern das tägliche Leben. Ingo Maurer wurde am 12. Mai 1932 auf der Insel Reichenau im Bodensee geboren. Die Großeltern mütterlicherseits betrieben im Hamburger Rotlichtmilieu ein Bordell. Der Vater schwärmte von Hermann Hesse, die Mutter vom Sozialismus. Nach einer Schriftsetzer Lehre in Konstanz führte ihn das anschließende Grafikdesign Studium von 1954 bis 1958 nach München. 1960  brach er in die Neue Welt auf, in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Er übersiedelte in die USA, wo er zunächst in Boston arbeitete und sich später in San Francisco als Grafikdesigner bis zu seiner Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1963 seinen Lebensunterhalt verdiente. 

Das vom Vater geerbte „Erfinder-Gen“ half dem Autodidakten zweifellos bei der Gründung seiner eigenen Firma Design M im Jahr 1966 in München. Für dieses im Industriedesign angesiedelte Unternehmen entwarf er Leuchten, die er bis zur Produktreife entwickelte. Die eigene Produktion und die Vertriebsstruktur baute er ebenso auf.

Der Erfolg stellte sich rasch ein, das Glühbirnen Zitat „Bulb“, einer seiner ersten Entwürfe des Jahres 1966, wurde 1969 in die Design Collection des Museum of Modern Art aufgenommen. Die geniale Idee zu diesem Modell kam ihm in weinseliger Laune in einer tristen Pension im verregneten Venedig. Er verliebte sich in die Poesie der nackten, von der Decke hängenden Glühbirne und beschloss sie zu würdigen. Die Glühbirne, Thomas Alva Edisons 1880 patentierte Erfindung, erzeugte schließlich das erste strombetriebene Kunstlicht. Rasch war eine Skizze angefertigt und die Zusage der Glasbläser in Murano eingeholt, das Glas in dieser Form produzieren zu können. Mit einer ersten Version des Glaskörpers fuhr er zurück nach München, wo er einen Metalldrücker fand, der fortan den metallischen Sockel produzierte. Und schon war die ikonische Leuchte fertig, die mit ihrem eleganten Chromglanz des Sockels und der silbern kopfverspiegelten Glühbirne im durchsichtigen Glaskolben ganz konträr zum vorherrschenden, knallbunten Pop-Art Design wie z.B. von Verner Panton stand: Birne in Birne – eine geniale zweiteilige Matrjoschka Leuchte als Hommage an Edison.

Als Autodidakt erarbeitete er sich selbst die Grundlagen des Lichtdesigns, wobei das erlernte Grafikdesign einen fundierten Hintergrund bildete. In seinen Arbeiten ist die Grenze zwischen bildender und freier Kunst fließend. Sie zeichnen sich durch gestalterische Klarheit, sichere Auswahl der optimalen Materialien und kompromisslose Suche nach der optimalen Lösung aus: Liebe zur Perfektion! Abgerundet wird das Ganze von seinem feinsinnigen Humor.

München – Schwabing

Ab 1970 entwarf und arbeitete Ingo Maurer mit seinem inzwischen auf über 50 Personen angewachsenem Team in einem Schwabinger Hinterhof in der Kaiserstraße 47 in München. 1973 wurde die Firma Design M in Ingo Maurer GmbH umbenannt. Als Lichtgestalter ging es ihm nie nur um „schöne“ Leuchten, sondern besonders um angenehmes Licht, das die Menschen glücklich macht.

Im Schwabing der beginnenden 1970er Jahre konnte er noch die Energie der teilweise gewaltsamen Münchner Studentenproteste der ausgehenden 1960er Jahren in dem Künstlerviertel spüren, die ihn gestalterisch unübliche Dinge umsetzen ließ wie etwa die Bibibibi Leuchte (1982), eine witzige funktionale Leuchte aus Porzellan, Metall und Kunststoff. Ihre Existenz ist dem Zufall geschuldet, beim Einkaufen entdeckte er ein rotes Paar Storchenfüße ohne Körper. Den Kauf verweigerte die Kaufhaus Mitarbeiterin allerdings, weil das Teil ohne Körper nicht komplett sei und damit unverkäuflich. Da er die Idee zur Leuchte aber schon im Kopf hatte, konnte er nicht anders als die Füße heimlich mitzunehmen (und natürlich am nächsten Tag den Preis des vollständigen Artikels zu bezahlen).

Aus Platzgründen wurden die Produktion und der Versand im Jahr 2005 an die Münchner Peripherie ausgelagert, was am Stammsitz in der Kaiserstraße die Installation des im Jahr 2009 eröffneten Showrooms ermöglichte. Es war der zweite nach dem New Yorker, der von 1999 – 2019 geöffnet war.

Seine Leuchten sind nicht einfach nur Lichtquellen, vielmehr werden sie auch als Kunstobjekte wahrgenommen. Ob Stehleuchte aus aufblasbarem Gartenschlauch, Lüster aus zerschlagenem Geschirr („Porca Miseria!“) oder fliegende Glühbirnen mit Flügelchen, immer spiegeln sie die Leichtigkeit ihrer verspielten Gestaltung wieder und oftmals auch eine subtil dargestellte Kinetik, ein zentrales Thema bei Ingo Maurers Leuchten. Diese den Leuchten innewohnende Bewegung führt zu optischer Variabilität, wie sie die ständige Bewegung der digitalen Kerzen FLYING FLAMES vorführt.

Neben der Gestaltung von Leuchten und Lichtsystemen, Ausstellungen und Messeständen entwickelte sich in der Firma der Projektbereich. Dieser umfasst die Lichtplanung und innenarchitektonische Arbeiten.

Das von der Europäischen Union zwischen 2009 und 2011 schrittweise eingeführte Glühbirnenverbot bedauerte Ingo Maurer zutiefst und kommentierte es mit etlichen kritischen Anmerkungen, die ihm einen weiteren Titel einbrachten: Energiesparlampenhasser! Die geliebte Glühbirne zieht sich wie ein roter Faden durch sein Lebenswerk, selbst wenn in späteren Jahren nur die äußere Glühbirnenform manch einer Ingo Maurer Leuchte die LEDs im Inneren umhüllt.

Im Jahr 1900 schrieb Thomas Mann in seiner Novelle „Gladius Dei“ „München leuchtete“. Durch die Lichtgestalt Ingo Maurer muss es nun heißen: München (und die Welt) leuchten schöner!

Ausstellungen und Auszeichnungen

Zahlreiche Ehrungen und Ausstellungen, von denen hier nur einige  aufgezählt werden, verdeutlichen seine internationale Bedeutung.

Die Fondation Cartier pour l’art contemporain zeigte 1989 im Pariser Vorort Jouy-en-Josas zum ersten Mal unter dem Titel Lumière Hasard Réflexion eine Auswahl erster künstlerischer, also nicht-kommerzieller, Kreationen des Lichtdesigners. Es folgten weitere Ausstellungen, unter ihnen viele Einzelausstellungen wie Arbeiten mit Licht 1992 in der Villa Stuck in München,1993 Licht licht im Stedelijk Museum in Amsterdam und ephemer visionär Ingo Maurer.Licht im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt (2002). 

Das Vitra Design Museum schickte 2002 die Wanderausstellung Light – Reaching for the Moon zwar nicht bis ganz zum Mond, aber immerhin durch Europa und bis nach Japan. 2007 würdigte das Cooper-Hewitt National Design Museum in New York den Designer mit der Ausstellung Provoking Magic: Lighting of Ingo Maurer.

Bei den wichtigen Einrichtungsmessen in Frankfurt, Köln oder Mailand sorgten seine überraschenden Präsentationen stets für große Aufmerksamkeit.

1986 wurde Ingo Maurer vom französischen Kulturminister mit dem Orden „Chevalier des arts et des lettres“ geehrt. 1999 wurde ihm der Designpreis der Landeshauptstadt München und 2000 der Lucky Strike Designer Award der Raymond Loewy Foundation verliehen. 2005 folgten die Ernennung zum Royal Designer of Industry durch die Royal Society of Arts in London und 2006 die Verleihung der Ehrendoktorwürde durch das Royal College of Art, London. 2010 würdigte der Designpreis der Bundesrepublik Deutschland sein Lebenswerk. 2011 erhielt er den Compasso d’Oro des italienischen Verbandes für Industriedesign (ADI), 2015 die Auszeichnung mit dem staatlichen Kulturpreis Bayern. Der Kulturpreis (2016) wurde ihm von der Bayerische Landesstiftung in München verliehen und in diesem Jahr der Schwabinger Kunstpreis 2019.

Die Designerei…von der Serviette zum Produkt

Einen faszinierenden Einblick hinter die Kulissen und in den kreativen Prozess bieten die Interviews mit einigen Mitarbeitern der Firma Ingo Maurer, die sich in dem umfangreichen Katalog zur Ausstellung finden. 

Ingo Maurers Ideen kamen ihm meistens nicht am Schreibtisch im stillen Büro, sondern im prallen Leben wie im Folgenden noch für das YaYaHo beschrieben auf Haiti nach durchfeierter Nacht. Als ideales Speichermedium in solchen Situationen bot sich die Papierserviette an, die er fast immer in der Jackentasche trug und die er unbeschadet knittern und rollen konnte. Am Ende des Ausstellungskatalogs findet sich eine kleine, über 30 Jahre gesammelte Auswahl dieser speziellen meist 20 x 20cm großen Skizzen, mit denen er seine spontanen Einfälle direkt visualisieren und konservieren konnte.

Ingo Maurer war Herz und Hirn des Unternehmens und eng mit seinen Mitarbeitern verbunden. Das Team konnte er durch ein hohes Maß an Eigenverantwortlichkeit motivieren. Von der Idee bis zur Realisierung einer Leuchte blieb alles in der Hand eines Mitarbeiters. Die Andersartigkeit seiner Leuchten ist auf Maurers spezielle Verbindung zwischen Kunst und Design zurück zu führen. Dabei ging es ihm auch immer um Leichtigkeit, die man vielen seiner filigranen Werke ansieht. Überraschenderweise hielt er sich selbst von technischen Neuerungen wie Computern fern, er verzichtete darauf eMails oder SMS zu schreiben, obwohl er sich stets für seine Leuchten mit neuesten Technologien und Materialien beschäftigte.

Eine weitere Besonderheit findet sich in der Tatsache, dass diese Hightech-Leuchten vollständig von Hand und nicht von Robotern gefertigt werden und somit jede Leuchte im Prinzip ein Unikat darstellt. Bedingt ist dies durch die hohen Qualitätsanforderungen sowie die meist geringen Stückzahlen, die sich von Einzelstücken, also Kunstwerken, über Kleinserien und limitierte Editionen bis in 1000er Auflagen bewegen.

Das Herzstück als Denk- und Probierraum ist die Designerei. Diese Bezeichnung setzt sich aus Design und Schreinerei zusammen und ist die Werkstatt der Kreativen. Hier werden aus den Ideen auf den Servietten dreidimensionale Modelle, die greifbarer als Computer-Simulationen oder theoretische Ansätze das neue Produkt verkörpern.

Die Gestalter in der Kaiserstrasse sind eng verflochten mit der Produktion im Münchner Stadtteil Aubing und somit auch Produktentwickler. Von großem Vorteil ist es in einem Haus Produktentwicklung und Produktion zu vereinen. Durch den regen Austausch und die direkte Kommunikation sind schnelle Prozesse gewährleistet. Für unrealisierbar erscheinende Entwürfe werden im Dialog rasch Lösungen gefunden.

Ingo Maurer beschrieb dies mit folgenden Worten: „Ich arbeite mit wunderbaren Menschen und würde ohne sie gar nichts zustande bringen. Wir sind wie eine große Familie … Am Anfang steht eine Idee oder ich möchte eine spezielle Stimmung kreieren. Dann gehe ich damit zu den Leuten, von denen ich glaube, dass sie diese Idee umsetzen können, und erkläre ihnen, was mir vorschwebt … vielleicht mithilfe einer Zeichnung auf einer Serviette. Wir reden eine Weile darüber, bis sie im Thema drin sind und mir sagen können, wie man das Problem am besten lösen könnte … Dann lasse ich sie gehen … Ich finde es gut, den Designer für seine Ideen kämpfen zu lassen. Der Spaß ist das Gespräch, in dem nach der richtigen Lösung gesucht wird. Es gibt diese Momente, wenn es plötzlich gelingt, und wir alle schreien: ‚Wir haben es geschafft!‘, das ist wunderbar. Es gibt eine große Vertrautheit unter uns und wir genießen den gemeinsamen Erfolg.“

Da vom Entwurf über Entwicklung und Produktion bis hin zum Vertrieb alles in einer Firma erfolgt und viele Produkte einen hohen Anteil an Handarbeit mit minimalem Maschineneinsatz benötigen, sieht sich die Ingo Maurer GmbH als Manufaktur und nicht als klassischer Leuchten Hersteller. Die Firma arbeitet als einzige im Wesentlichen noch immer nach dem Firmenmodell aus den 1960er Jahren, was nur auf Grund der geringen Produktionszahlen der einzelnen Modelle möglich ist.

Namensgebung

Die Namensgebung einer Leuchte ist genauso ein kreativer Vorgang wie ihr Entwurf und von großer emotionaler Bedeutung. Überhaupt besitzt die Emotion einen hohen Stellenwert in Ingo Maurers Arbeiten, was er selbst so ausdrückte: „Ein Objekt sollte nicht wie ein Betonklotz in der Gegend stehen, wie ein Monument für alle Ewigkeit. Wenn wir es schaffen, ein Gefühl im Betrachter auszulösen, ist uns etwas gelungen.“ So hat er auch früh erkannt, dass der Name einer Leuchte beitragen kann „ein Gefühl auszulösen“.

Bereits in der Entwicklungsphase werden Namen vergeben, die oftmals bis zur Erst-präsentation abgewandelt werden. So hieß zum Beispiel die Porca Miseria! ursprünglich Zabriskie Point nach dem gleichnamigen Film von Michelangelo Antonioni aus dem Jahr 1970, in dem slow motion Explosionen gezeigt werden. Als die Scherbenwolke in Mailand zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, war die verbale Reaktion eines italienischen Besuchers: „Porca Miseria!“. Deutsch würde man sagen „Verdammt nochmal!“ oder etwas rustikaler „Heilige Scheiße“. Ingo Maurer war begeistert und fortan blieb der neue Name bestehen.

Meist stammen die Namen von Ingo Maurer und nehmen Bezug auf die Form der Leuchte. Sie können aus Fremdsprachen kommen, wie bei der „Take me to the Moon“ (T.T.Moon) Leuchte, die an eine Raumstation erinnert. An Metallstreifen sind verschiedene rote und schwarze, runde und rechteckige geometrische Formen wie Raumschiffe angedockt. An jeder dieser Andockstellen leuchtet eine kleine LED.

Neben dem Englischen finden sich auch Arabisch, Italienisch oder Japanisch.

Manchmal ist auch ein Sprichwort oder ein Song der Ursprung des Namens. Der Rocksänger Alice Cooper, besonders in den 1970er Jahren gefeierter Celebrity, stand Pate für die ALIZZ COOPER Leuchte. Ein Foto, auf dem er mit irrem Gesichtsausdruck eine Boa Constrictor um den Hals trägt, verhalf ihm zu dieser Ehre.

Beim Seilsystem YaYaHo gibt es verschiedene Erklärungsversuche. Mal stammt es aus einer fremden Sprache, mal war Ingo Maurers Antwort auf die Namensfrage: JaJaSo, woraus dann YaYaHo wurde.

Die Tischleuchte „One from the heart“ (1989) verdankt ihren Namen dem gleichnamigen Film von Francis Ford Coppola.

Readymade – Licht aus Gebrauchsgegenständen

Der ironische Titel der raumgreifenden Deckenleuchte OH MAN, IT’S A RAY! bezieht sich auf den DADA-Künstler Man Ray, der 1920 aus dreiundsechzig Holzkleiderbügeln das bekannte Readymade, ein Kunstwerk aus Alltagsgegenständen, mit  dem Titel Obstruction kreiert hatte. Die unteren Holzlatten der Leuchte Ingo Maurers enthalten Leuchtmittel und sind mit seinem ironischen Titel versehen.

Das ist ein Beispiel wie Ingo Maurer Gebrauchsgegenstände zu Leuchten umwidmete. Aber auch gewöhnliche Gummihandschuhe in dem typischen Yves-Klein-Blau an deren Fingerspitzen Fassungen hängen, Campari Fläschchen, Federflügel, Plastikkrokodile, Storchenbeine und Notizzettel arrangierte er zu Leuchten. Seine Kreativität war grenzenlos, jedes Ding konnte er zur Leuchte umfunktionieren.

Die Ausstellung

Als erstes „warm-up“ präsentierte Die Neue Sammlung – The Design Museum das Pendulum genannte Riesenei (290cm × 170cm) von Ingo Maurer am 03. Mai 2019, dessen 125 kg noch bis Februar 2020 in der Rotunde zu bestaunen sind. Das schwingende Pendel ist sowohl ein physikalisches Phänomen als auch ein die menschliche Psyche beruhigendes Element. Die Harmonie der Schwingung und die harmonische Form des Eies erzeugen durch ihre Ruhe und Regelmäßigkeit Wohlbefinden (Foto 25).

Die Neue Sammlung nutzt auch für die aktuelle Ingo Maurer Ausstellung wieder ihre einzigartige Paternoster-Halle, in der seit dem Jahr 2015 zeitgenössische Designpositionen behandelt werden, wie z.B. Werner Aisslingers visionäres „House of Wonders“ (2016).

Die eigentliche Ausstellung präsentiert etwa 80 Werke des Lichtdesigners und wurde in Zusammenarbeit mit Ingo Maurer und seinem Team konzipiert. Ganz frühe Werke aus den 1960ern sind ebenso wie zeitgenössische Arbeiten aus dem Jahr 2019 in dieser Überblicksausstellung zu bewundern. Modelle und Fotos zu den Leuchten zusammen mit einem Video geben Einblicke in die Welt des Lichterfinders.

Drei konträre Begriffspaare, die fundamental bei Ingo Maurers Designarbeit waren,  überlagern die gesamte Ausstellung: Ruhe und Bewegung, Licht und Schatten, Fragment und Ganzes.

Ruhe und Bewegung findet sich bereits in den beiden überdimensionierten Paternoster Vitrinen des Museums, in denen sich in einer Endlosschleife die auf diversen Plattformen ruhenden Objekte am Betrachter vorbei bewegen. Aber auch einzelne Objekte wie die horizontal aus der Wand stehende ultramarinblaue Figur „Remember Yves“, ein Zitat von Yves Kleins „Sprung ins Leere“, steht in diesem Spannungsfeld. Der ruhende Körper zeigt eine Momentaufnahme der Bewegung, in der er sich augenscheinlich befindet.

Licht und Schatten stehen in enger Beziehung, das eine existiert nur dank des anderem. Architektonische Ornamente wie Stuck wirken nur durch den Schatten. In der Ausstellung finden sich die zwei großen runden Wandleuchten Eclipse Ellipse (2017), die so raffiniert angestrahlt werden, dass durch den elliptischen Schattenwurf und die helle indirekte Lichtquelle die Trennung zwischen Leuchte und Wand schwer fällt. Licht und Schatten, Schwarz und Weiß, verschmelzen in einer Fläche (Foto: WH 46).

Scherben bringen Glück! In diesem Fall sicher, das Glück des Betrachters. Fragment und Ganzes finden sich in der fulminanten Deckenleuchte „Porca Miseria!“ (1994), die Ingo Maurer als Gegenstück zu den perfekten Designobjekten der damaligen Mailänder Messe gebaut hat. Zuerst werden ganze Porzellanobjekte wie Teller oder Kannen zu Fragmenten zerstückelt, um diese dann zu etwas genialem Neuen als Ganzes zu komponieren. Gleichzeitig stecken aber auch in ihr Ruhe und Bewegung, erscheint sie doch wie das eingefrorene Standbild einer Explosion.

Die im begleitenden Katalog abgebildeten  Leuchten und Lichtobjekte der Ausstellung sind chronologisch  von 1966 bis 2019 geordnet. Sie bilden das facettenreiche Gesamtwerk Ingo Maurers ab. Es finden sich seine eigenen Entwürfe, Teamentwicklungen und Kooperationen mit externen Gestaltern. Bei jedem Objekt verschmelzen seine einzigartige Formensprache, die außergewöhnliche Namensgebung und die inszenierte Fotografie.

An der Planung dieser Retrospektive arbeitete Ingo Maurer noch mit. Leider verstarb er knapp drei Wochen vor ihrer Eröffnung am 21.Oktober 2019. Sein Genie wird noch lange in seinen Leuchten und Lichtinstallationen weiter leuchten und die Welt aufhellen.